Inhalt

Der Roman spielt in der Mitte des 21- Jahrhunderts in einem Überwachungsstaat, der das Ziel verfolgt, seinen Bürgern ein gesundes und langes Leben zu ermöglichen. Zur Erreichung des Ziels kontrolliert der Staat die Lebensführung jedes Einzelnen, eine ungesunde Lebensweise wird bestraft. Die Protagonistin des Romans ist die 34-jährige Biologin Mia Holl, die den Tod ihres Bruders aufklären will und sich dabei von einer Befürworterin zu einer Gegnerin des staatlichen Systems entwickelt. Ihr Bruder Moritz Holl soll eine Frau vergewaltigt und getötet haben, da man seine DNA Spuren in der Leiche entdeckt; er nimmt sich im Gefängnis das Leben, als er begreift, dass man seinen Unschuldsbeteuerungen keinen Glauben schenken will.

Sport- und Gesundheitswahn oder welches Menschenbild wollen wir?

Corpus Delicti ist zwar eine Science-Fiction Geschichte, behandelt aber Probleme, die auch unsere Gesellschaft immer stärker beschäftigt und prägen. Auch hier, in der Realität der Bonushefte und Selbstvorsorge, der pränatalen und frühkindlichen Rundum-Untersuchungen oder der Rauchverbote, greift der Staat bereits massiv schützend und lenkend in die Eigenverantwortung des Individuums ein. Auch in unserer Freizeit bestimmen Sport- und Gesundheitswahn zunehmend unser Leben. Der optimierte, schlanke und durchtrainierte Körper wird zu einem Idealbild, einer Ikone erhoben, die sich als ästhetisches Objekt präsentiert, das Gesundheit, Authentizität, Natürlichkeit und Erfolg verkörpert. Ausserdem präsentiert der auf solche Weise gestylte Körper Werte und Eigenschaften wie Erfolg, Disziplin, Zuverlässigkeit, sexuelle Potenz, Gesundheit und Selbstbewusstsein.

Bereits 1929 schrieb Bertold Brecht „Es gibt allen Turnlehrern zum Trotz, eine beachtliche Anzahl von Geistesprodukten, die von kränklichen oder zumindest körperlich stark verwahrlosten Leuten hervorgebracht wurden, von betrüblich anzusehenden menschlichen Wracks, die gerade aus dem Kampf mit einem widerstrebenden Körper einen ganzen Haufen Gesundheit in Form von Musik, Philosophie oder Literatur gewonnen haben.“

Kostbare Gesundheitswerte

Die Gesundheitswerte aller sind im Visier von Krankenkassen, Arbeitgebern und Versicherungen, sie profitieren, wenn die Bürger gesund leben: Ein kranker Mitarbeiter oder Versicherter ist schliesslich teurer als ein gesunder. Durch den Einsatz von Fitness-Trackern und Gesundheits-Apps stellen wir unsere Werte sogar freiwillig ins Internet: Millionen Bürger verwandeln sich so zu gläsernen Menschen, die auf Schritt und Tritt beobachtet werden. Auch Sie hinterlassen eine Datenspur die Millionen von Einzelinformationen enthält und aus der sich JEDES beliebige Mosaik zusammensetzen lässt. Denken Sie immer noch, dass Sie eh nichts zu verbergen haben?

Utopie und Dystopie

Utopia ist ein von Thomas Morus 1516 ausgedachtes Reich auf einer Insel. Der Entwurf eines idealen Gemeinwesens und Staates, in dem Unglück, Gebrechen und gesellschaftliche Ungerechtigkeiten durch soziale, politische, ökonomische und kulturelle Reformen in das vollkommene Glück aller verwandelt sind. Das Gegenstück ist die Dystopie, in welcher sich die utopischen Ideale der Sicherheit, Transparenz und staatlicher Regulierung, der Abschaffung von Ungleichheit und Zufall sowie der gesellschaftlichen Harmonie in ihr Gegenteil verkehren: Unfreiheit, Willkür, Terror und Auslöschung der Individualität. Juli Zehs „Corpus Delicti“ findet sich somit in der Tradition von G. Orwells „1984“ und A.  Huxleys „Brave New World“.

Staatszwang als Krankheitsbefreier

Staatlicher Zwang hat die Menschen im Verlaufe der Geschichte von vielen Krankheiten befreit. Ein Beispiel: Im 18. Jahrhundert starben in Europa jedes Jahr 400 000 Menschen an den Pocken, ein Drittel aller Überlebenden, erblindeten. Als Edward Jenner die Pockenimpfung 1796 entwickelte, verweigerten viele die lebensrettende Immunisierung. Daraufhin drohten die Behörden mit Strafen. In Würzburg riskierten Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen wollten, Geldstrafen oder sogar Gefängnis bei Wasser und Brot. Das überzeugte. Seit 1977 gilt diese Krankheit als ausgerottet. Auf welche Seite stellen Sie sich im Jahre 2019 bezüglich des staatlichen Impfzwangs bei Masern gegenüber der Entscheidungsfreiheit des Individuums?

Historische Vorbilder

Heinrich Kramer treibt Mia Holl in die Enge. Sie ist Opfer eines modernen Hexenprozesses, der die Diktatur als das zeigt, was sie wirklich ist; ein menschenverachtendes System, das auf mittelalterliche Foltermethoden zurückgreift, um ein Geständnis von Mia zu erzwingen. Nicht zufällig ist Heinrich Kramer (um 1430-1505) der historische Dominikanermönch und Autor des berüchtigten „Hexenhammers“ (1486) und Wegbereiter der Hexenverfolgung. Auch Mia hat ein historisches Vorbild: Maria Holl (1549-1634) wurde damals als Hexe in Nördlingen/Bayern angeklagt, gefoltert und freigesprochen.

Juli Zeh

Juli Zeh (bürgerlich Julia Barbara Finck geb. Zeh; Pseudonym Manfred Gortz; * 30. Juni 1974 in Bonn) ist eine deutsche Juristin und Schriftstellerin, die mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde und auch durch ihr gesellschaftlich-politisches Engagement bekannt ist.

Quellen: